Ich fiel sechzig Meter in eine Schlucht und es fühlte sich an, als würde mein Herz stehen bleiben. Der Atem stockte und das Gehirn sendete die tiefe Erkenntnis in den Rest meines Körpers, dass der eine, ultimative Augenblick gekommen ist: der Moment des Todes.

Im Nu wurde ich aufgefangen. Ich hing an einem sicheren Seil, das wir von Bungee-Sprüngen kennen. Es ließ mich über den breiten Gebirgsfluss schwingen, von dem mein Gehirn vor Sekunden glaubte, ich würde in dessen ungebändigte Wellen knallen.

In diesem Moment wurde mir klar, dass nichts passieren kann. Ich bin sicher. Es ist nur das Gehirn, das mich immer auszutricksen versucht, immer überdramatisiert. Es ist ein geiles Gefühl, zu wissen, dass ich davon nicht sterbe, und weiterleben werde. Wenn ich meiner in mir wohnenden Sicherheit vertraue, kann nichts schief gehen. Denn das Leben meint es gut mit mir. Ich kann vertrauen und ich darf vertrauen.

Jene Erfahrung des auf blitzschnellen Schritten sich ankündigenden Todes hatte ich vor drei Jahren. Die gewonnene Erkenntnis verfestigte sich in den Jahren danach, das ist gewiss. Denn ich steckte in der Folge in einer ähnlichen Lebenssituation. Der Unterschied war: Der Tod war auf leisen Pfoten, langsam, ohne großes Tam-Tam, frei von Zweifel auf dem direkten Weg zu mir.

Mir war bald klar, ich bin sicher, es kann nichts passieren. Vorerst. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Denn würde ich nicht gegensteuern, wäre der Tod vorprogrammiert. Ich erinnerte mich, dass das Leben es mit mir gut meint. Es fiel mir aber schwer, angesichts des erwartbaren Endes daran zu glauben, die Überzeugung zu empfinden. Vermochte ich meinem Glauben, meiner Intuition, meiner Sicherheit folgen? Darauf vertrauen?

Ich verstehe, es braucht Mut und eine positive Einstellung zum Leben. Ich bin dankbar über den damaligen Gehirn-Streich. Ich weiß, ich bin sicher. Egal was ist, wenn ich meiner Intuition folge, kann nichts passieren. Mir ist klar, dass ich nicht sterben muss, also noch nicht jetzt. Das brachte mir Gelassenheit und Glück.

Dieser Text wurde ursprünglich auf http://wiederkrebs.wordpress.com sowie vom Projekt *.txt veröffentlicht (auf Twitter und Facebook).

Magret Kindermann: Tulpologie

Marlene probiert gerne aus. Sie probiert gerne Situationen aus. Etwas, das ihr einfach spontan einfällt – oder eine Idee, die sie schon länger verfolgt. Sie probiert auch gerne sich selbst aus. Doch es tauchen Fragen auf. Wie weit kann sie gehen? Wie weit will sie gehen? Das alles gesteht sie sich aber anfangs nicht ein. Rasch beginnt ein interessanter Selbsterfahrungstrip einer Dame, die ihrem Alter keinen Stempel aufgedrückt wissen will.

Die primäre Protagonistin in Magret Kindermanns Novelle hat einen ausgeprägten Sinn für Details. Dieser äußert sich in Erkenntnissen menschlichen Fehlverhaltens, adlerscharfen Beobachtungen und auch im Perfektionismus ihre Kleidung betreffend. Sie liebt Blumen, allen voran Tulpen. Diese Vorliebe verbindet sie auf eine besondere Weise mit dem zweiten Hauptdarsteller der Geschichte, dem Blumenhändler Herrn Huang. Die beiden unterhalten ein recht spezielles Verhältnis zueinander.

Wie kann man in einem freien Leben gefangen sein? Marlene geht es genau so. Sie ist eingesperrt in eingefahrenen Mustern, teils durch ihre Erziehung eingetrichtert, teils durch ihr eigenes lebenslanges Verhalten angeeignet. Sie möchte aus diesen ausbrechen – was ihr auch auf eigentümliche Art und Weise gelingt.

Das Buch wirft Fragen auf. Was sollen wir glauben? Was wollen wir denn? Was glauben wir zu wollen? An einer Stelle im Buch heißt es, prägnant auf den Punkt gebracht: »Wer sind wir, wenn wir nach einem Skript leben?« Doch wir sitzen alle im selben Boot. Letztlich geht es um die Erkenntnis, dass die Reduktion auf eine einzige Sache heilsam sein könnte. Wenn nicht, dann ist sie wenigstens wohltuend.

Magret Kindermann hat mit »Tulpologie«, ihrem zweiten Buch, eine unglaublich schöne Geschichte entworfen. Eine, im positiven Sinne, verschachtelte und komplizierte Geschichte, die sie aber locker-flockig erzählt. Und das Beste daran: Das Buch lässt sich in einem Stück durchlesen – weil ihr Sinn für Spannungsbögen aufhören verhindert. Sie entführt uns in die märchenhafte Welt der Zuneigung und Liebe, die einhergeht mit Vergänglichkeit. Die Tulpe als Sinnbild dafür ist perfekt gewählt. Die Lehre der Tulpe: Tulpologie.

Magret Kindermann: Tulpologie (TWENTYSIX, 2. Auflage 2017)

Ali Mahlodji: Und was machst du so? (Buchcover)

Ali Mahlodji: Und was machst du so?

Mit einer wunderbaren Leichtigkeit plaudert Ali Mahlodji über sein bisheriges Leben, das an vielen Stellen alles andere als leicht war. In seinem neu erschienenen Buch »Und was machst du so?« beschreibt er seinen Werdegang vom Flüchtlingskind zum Schulabbrecher, mit vielen Stationen in den unterschiedlichsten Jobs, bis hin zum internationalen Unternehmer und Gründer von whatchado. Auch wenn sein Weg bislang von Schicksalsschlägen durchsprengt war, liest sich sein Werk wie einer seiner Vorträge vor Schülern oder Konferenzpublikum: Locker und lässig, wie dem Autor eben der Schnabel gewachsen ist. Aber auch die nachdenklich-reflektierte Seite seiner Seele kommt gehörig zur Geltung.

Mahlodji verwirklicht sich mit seinem Start-Up-Unternehmen einen Kindheitstraum. Den Traum, vom »Handbuch der Lebensgeschichten«, um Kindern und Jugendlichen aufzeigen zu können, welche Berufe es abseits der »Klassiker« Ärztin, Bauarbeiter und Friseurin noch gibt. Aber auch, um den nachfolgenden Generationen Entspanntheit zu lehren, denn jene Jobs, die wir in zehn Jahren ausüben, die gibt es jetzt noch gar nicht.

Der Autor stellt klar, dass das Wichtigste die Bildung ist, die Bildung unserer Kinder, die in Wahrheit unser Kapital sind, und eben nicht das Geld. Warum investieren wir also nicht mehr in angemessene Bildung, begonnen bei den Kindergärten? Mit seinen Auftritten in Schulen bricht Ali Mahlodji auf hemdsärmelige Art mit den verkrusteten Strukturen des Bildungsbereichs. Er ist ein »Macher«, was Ideen und Problemlösungen anbelangt. Mit seiner ehrlichen und herzlichen Art kommt er eben gut an bei den Jugendlichen, die im Allgemeinen wenig Selbstwirksamkeit gelehrt bekommen, sondern eher nur Frontalunterricht genießen dürfen.

Warum haben so viele Menschen Angst und wagen nichts? Bleiben in ihrem Hamsterrad, angetrieben von den Prozessmaschinen der großen Konzerne? Warum wagen sie keine berufliche Veränderung, wenn es ihnen körperlich schlecht geht, wenn sie Schmerzen haben? Warum hören die Menschen nicht mehr auf ihre Träume oder lassen sie komplett links liegen und beachten den Ruf ihrer Seelen nicht? Mahlodji hat an vielen Stellen des Buchs die Antwort auf diese Fragen. Er zeigt auf, was im Großteil unserer Unternehmen, die einer Wirtschaft der Geldgier verfallen sind, schief läuft.

Ich wünsche mir, dass nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch Arbeitgeber und alle Führungsebenen dazwischen Mahlodjis Buch lesen und sich dadurch unsere Managementkultur vielleicht ein bisschen zum Bessern verändert. Hin zu mehr Wertschätzung und Menschlichkeit. Ali Mahlodji fordert in seinem Unternehmen Freiheit und Selbstverantwortung seiner Mitarbeiter ein. Er geht sogar so weit, sich selbst ersetzbar zu machen, und verwirrt damit viele andere Manager, die mit ihm ins persönliche Gespräch kommen. Es ist so ein fundamental anderer Ansatz, wie ihn viele der »alten Chefs« einfach nicht kennen.

Dieses Buch lehrt die Dankbarkeit. Jene Dankbarkeit, die in unserer westlichen Welt so oft unter die Räder kommt und schon fast vergessen erscheint. Dankbarkeit am Leben, den Eltern gegenüber, den eigenen Lehrern und auch den besonderen Momenten gegenüber, dem, was das Leben an Zufällen für uns parat hält, daran erinnert uns Ali Mahlodji an vielen Stellen. Besonders die Dankbarkeit an seinen Vater und dessen unzählige Weisheiten bleiben lebendig in Erinnerung.

Und es lehrt uns das Loslassen, wie es ist, sich voll auf das Risiko einzulassen. Dass dann ganz viel Schönes entstehen kann. Damit wir endlich verstehen, dass das Leben keine Generalprobe ist.

Ali Mahlodji: Und was machst du so? (Econ 2017)

(Dieser Beitrag wurde ursprünglich unter https://wiederkrebs.wordpress.com veröffentlicht.)