Ode an die Angst, die lebensrettend ist

Auf einem Gipfel, Niederösterreich 2019.

Jedes Mal, wenn ich das E-Mail vom Labor im Posteingang sehe, bleibe ich stehen und es sticht mir im Magen. Es fühlt sich an, als hörte das Herz auf zu schlagen, für genau jene Zeit, in der ich die Nachricht öffne, auf den Anhang klicke, den Code zum Anzeigen des Dokuments eingebe und dann über die Zeilen mit meinen Blutwerten husche. Wo ist ein Sternchen? Welcher Wert ist ein Ausreißer? Sind die Tumormarker innerhalb des Normbereichs? Für wenige Sekunden befinde ich mich zwischen der Zeit, am brüchigen Grat ganz oben am Berg, an der Grenze von Gesundsein und Kranksein. Genau dort, wo der Fall weit wäre, tief hinunter ginge ins Tal, ein Sturz, der leider nur selten überlebt wird. Glücklicherweise gibt es Hilfe, aber eben nicht für jeden Menschen. Deshalb ist die Angst allgegenwärtig. Werde ich wieder fallen? Wenn ich lese, dass alles in Ordnung ist, schlägt mein Herz weiter und ich löse mich aus der Erstarrung.

Dank als Ressource

Heute, am Weltkrebstag, bin ich dankbar, dass ich 2017 ein wunderbares Team von Ärzt_innen, Psychoonkolog_innen, Krankenpfleger_innen und Physiotherapeut_innen gefunden habe, und dass mich Familie und Freund_innen vorbehaltlos bei der Genesung von meiner Krebserkrankung unterstützt haben und es weiterhin tun. Das ist eine unschätzbare Ressource, und auch wenn meine Onkologin mir bei jeder Nachsorgebesprechung sagt, ich solle es endlich glauben, dass mein Krebs geheilt ist, hat sich dieses mulmige Gefühl dennoch festgefressen: Die Erinnerung an jenen Tag, als der Blutbefund voller fettgedruckter Zeilen war und mit Sternchen markierte Ausreißer mir wie Fäuste ins Gesicht schlugen.

Heute, fast zweieinhalb Jahre nach dem Rückfall der Erkrankung, ist diese Angst noch immer in meinen Eingeweiden. In den Momenten der Konfrontation, beim Besuch der psychotherapeutischen Gesprächsgruppe, bei der Blutabnahme alle drei Monate, beim Erhalt der E-Mail aus dem Labor, auf der Untersuchungsliege des Kernspintomografen, beim Besuch im Spital zur Nachsorge, beim Plaudern mit meinem früheren Pflegepersonal auf der Station, im Gespräch mit meiner Ärztin, stehe ich kurz vor der abermaligen Lähmung, in die mich der Schrecken damals versetzt hat.

Nie hätte ich mir gedacht, dass eine Angst derart tief sitzen kann und ich freue mich schon auf den Tag, an dem sie nicht mehr hochkommt, an dem sie für immer verschwunden ist, nie zurückkehrt. Zugleich weiß ich, dass dieser Tag niemals kommen wird, denn diese Angst ist der Zündfunke des Motors, der mich am Leben hält, meines Antriebs, warum ich gesund lebe. Sie ist der Grund, warum ich gut für meinen Körper sorge. Ihretwegen liebe ich das Leben und kümmere ich mich um das, was mir guttut. Alles andere rückt in den Hintergrund, genauso wie die Erstarrung des Rückfalls alles andere überschattet. Die Angst lehrt mich das richtige Leben.

Vom Vorher ins Nachher

Heute ist Weltkrebstag. Ich habe mich auf der Festplatte meines Computers durch Fotos von „früher“ geklickt und bin in eine Zeit vor der Krebserkrankung gereist, in ein gänzlich anderes Leben. Dort hatte ich laufend mit „Problemen“ zu tun, sowohl beruflich als auch privat. Sie beherrschten mein Leben. Problemlösen war mein täglich Brot. Ich regte mich oft maßlos auf, mokierte mich über, aus heutiger Sicht betrachtet, Belanglosigkeiten. Und was ich erst recht spät merkte: Das Problemdenken zehrte an meiner Kraft.

Heute, in meinem Leben „danach“, erscheinen die damaligen Widrigkeiten wie Steinchen im Schuh, die im Handumdrehen verschwinden, wenn ich den Schuh ausschüttele, wieder anziehe, und weitergehe. Wissend, dass ich die eingebrannte Angst nicht überkommen kann, ist es genau das, was sie immer wieder verfliegen lässt: nicht stehen zu bleiben.

Dieser Beitrag wurde zuerst auf dem Krebserfahrungsportal Kurvenkratzer InfluCancer.com veröffentlicht.

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