Eine Einordnung zum Hodenkrebs-Awareness-Monat April
Viele Männer haben den Satz schon gehört: „Tastet eure Hoden regelmäßig ab.“ Ich habe es selbst schon gesagt, auch in meinen Vorträgen, wenn es um Krebsvorsorge und -Früherkennung ging. Aus Überzeugung. Aus eigener Betroffenheit. Aus dem Wunsch heraus, dass andere früher draufkommen und die Krankheit nicht so eskaliert wie bei mir.
Fakt ist aber: Es gibt keine belastbaren Daten, dass regelmäßiges Selbstabtasten die Sterblichkeit bei Hodenkrebs senkt. Und das ist ja oft eine der wichtigsten Zielgrößen bei klinischen Studien. Onkologische Leitlinien empfehlen daher kein Screening, auch kein selbstdurchgeführtes, bei beschwerdefreien Männern.
Das steht im Widerspruch zu dem, was sich intuitiv richtig anfühlt. Dass wir selbstwirksam sein wollen. Krebs vermeiden wollen. Früh genug draufkommen, wenn wir doch erkranken.
Spontan abgetastet
Ich habe 2015 selbst die Diagnose Hodenkrebs bekommen. Draufgekommen bin ich durch zufälliges Abtasten, weil es sich zwischen meinen Beinen dicker als sonst anfühlte. Damals war ich 35. Der befallene Hoden wurde herausoperiert. Zwei Jahre später folgte eine Knochenmetastase in der Schulter. Schmerzhaft. Bewegungseinschränkend. Bestrahlung, Chemotherapie, zwei Jahre Physiotherapie. In dieser Zeit suchte ich nach Orientierung. Nach Dingen, die ich selbst tun kann. Hätte tun können. Mir hatte niemals jemand gesagt, dass ich mir regelmäßig die Hoden abtasten sollte.
Und genau hier wird es schwierig. Denn ja, früheres Erkennen kann relevant sein. Bei vielen Tumorarten ist es sehr relevant. Bei Hodenkrebs merken viele Betroffene selbst Veränderungen. Oft zufällig. Manchmal erst in metastasierten Stadien. Aber meist nicht im Rahmen eines festen Abtast-Rituals.
Aber daraus lässt sich keine Empfehlung für Selbstscreening ableiten. Warum ist das so? Da ist Hodenkrebs speziell:
Hodenkrebs ist die häufigste Krebserkrankung des jungen Mannes. Insgesamt sind Hodentumoren aber selten. Sie sind in den meisten Fällen sehr gut behandelbar, auch wenn sie nicht in einem sehr frühen Stadium entdeckt werden. Der Nutzen eines regelmäßigen Selbstabtastens ist daher nicht belegt.
Warum Hoden abtasten?
Hodenabtasten ist aber nicht nutzlos! Es lehrt einen sensiblen Umgang mit dem eigenen Körper. Es schult Wahrnehmung. Und es geht darum, körperliche Veränderungen ernst zu nehmen. Und bei Auffälligkeiten diese konsequent abklären lassen. Aber ohne die Erwartung, durch regelmäßiges Abtasten Sicherheit zu gewinnen oder Krebs verhindern zu können.
Denn, das muss uns klar sein, 100 %ig können wir Krebs nicht verhindern. Krebs gehört leider zum Menschsein dazu.
Ein feines Osterfest und viel Spaß beim Eierbefühlen!
Quellen:
S3-Leitlinie Hodentumoren (Leitlinienprogramm Onkologie)
USPSTF Screening Recommendation
DKFZ Krebsinformationsdienst